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Startseite » Blog » „Kifft mein Kind?“ – Ein Leitfaden für Eltern zwischen Sorge, Alltag und Beziehung

„Kifft mein Kind?“ – Ein Leit­fa­den für Eltern zwi­schen Sor­ge, All­tag und Bezie­hung

Dein Kind kommt dir in letz­ter Zeit ein wenig distan­zier­ter vor. Die Gesprä­che wir­ken kür­zer, der Blick schweift öfter ab, und das gemein­sa­me Abend­essen ist auch nicht mehr das­sel­be. Eltern neh­men viel wahr, sie ken­nen ihre Kin­der in der Regel am bes­ten. Vie­le Sor­gen ver­flüch­ti­gen sich wie­der, ande­re Gedan­ken las­sen sich nicht abschüt­teln.

Vie­le Eltern erle­ben sol­che Pha­sen mit ihren her­an­wach­sen­den Kin­dern. Man fragt sich, was los ist, ob alles okay ist und ob es viel­leicht mit Dro­gen­kon­sum zu tun haben könn­te. Man selbst war auch mal jung, hat sich aus­pro­biert und spürt jetzt, das etwas im Raum steht, das bis­lang nicht aus­ge­spro­chen wur­de. Dass man sich als ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Eltern auch die Fra­ge „Kifft mein Kind?“ stellt, ist nicht sel­ten.

Die meis­ten Jugend­li­chen expe­ri­men­tie­ren mit Gren­zen. Man­che pro­bie­ren dann auch Sub­stan­zen aus. Der All­tag bie­tet dafür sel­ten ein­deu­ti­ge Hin­wei­se, aber für Eltern viel Raum für Zwei­fel. Was zählt, ist, die­se Unsi­cher­heit nicht vor­schnell mit Kon­trol­le zu beant­wor­ten, son­dern mit Auf­merk­sam­keit, mit Hal­tung und mit Wis­sen. Am aller­wich­tigs­ten ist und bleibt aber die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Kind. Ich habe ver­sucht, in die­sem Arti­kel eine Ori­en­tie­rung für Eltern zusam­men­zu­stel­len. Ein Leit­fa­den, wie sie den Kon­takt zu ihrem Kind auf­recht­erhal­ten kön­nen, auch wenn der Ver­dacht auf­kommt, dass Can­na­bis ein The­ma sein könn­te. Dabei soll weder Alar­mis­mus noch Baga­tel­li­sie­rung im Vor­der­grund ste­hen.

Puber­tät oder Pro­blem? – Zwi­schen Ver­än­de­rung und Ver­un­si­che­rung

Viel­leicht erin­nerst du dich noch leb­haft an dei­ne eige­ne Teen­ager­zeit. Man tes­te­te sei­ner eige­nen Gren­zen, lern­te neue Leu­te, Din­ge und Situa­tio­nen ken­nen und pro­bier­te auch eini­ge neue Din­ge aus. War sogar Can­na­bis dabei? Wir durch­lau­fen alle die­se Pha­se und für Eltern kann es ein ers­ter Schritt sein, sich die eige­ne Puber­tät in Erin­ne­rung zu rufen. Dann weiß man schnell wie­der: Wenn dein Kind heu­te lau­ni­scher wirkt, sich öfter zurück­zieht oder sei­ne Inter­es­sen häu­fi­ger wech­selt als sei­ne Unter­wä­sche, muss das kein Grund zur Sor­ge sein. Die Puber­tät ist eine Zeit des Umbaus. Nicht nur kör­per­lich, son­dern auch sozi­al und vor allem emo­tio­nal.

Was uns als „ver­än­der­tes Ver­hal­ten“ bei den Kin­dern auf­fällt, hat oft weni­ger mit äuße­ren Ein­flüs­sen zu tun als mit inne­ren Pro­zes­sen: Hor­mo­ne, Selbst­bild, Grup­pen­dy­na­mik. Dass dein Kind ruhi­ger wird oder sich plötz­lich für ganz ande­re Din­ge inter­es­siert als frü­her, kann Teil die­ser Ent­wick­lung sein. Gera­de dann, wenn es trotz Rei­bungs­punk­ten noch erreich­bar bleibt.

Vie­les ist eine vor­über­ge­hen­de Pha­se. Auch an die­ser Stel­le ist Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den jun­gen Men­schen der Schlüs­sel.

🛈 Info­box: Puber­tät – ein neu­ro­na­ler Umbau auf offe­ner Büh­ne
Die Puber­tät ist eine Zeit tief­grei­fen­der Umbau­ten, hor­mo­nell, sozi­al und neu­ro­lo­gisch. Beson­ders das Gehirn durch­läuft eine Pha­se inten­si­ver Rei­fung, bei der Impuls­kon­trol­le, Selbst­bild und Emo­ti­ons­re­gu­la­ti­on noch insta­bil sind. Der prä­fron­ta­le Kor­tex (Teil des Neo­cor­tex) ist in unse­rem Gehirn zustän­dig für Pla­nung, Impuls­re­gu­la­ti­on und Kon­se­quenz­ab­schät­zung. Er ent­wi­ckelt sich erst nach und nach. Gleich­zei­tig ist das lim­bi­sche Sys­tem – also der emo­tio­na­le Takt­ge­ber – in die­ser Zeit beson­ders aktiv.

Das heißt: Jugend­li­che emp­fin­den inten­si­ver, reagie­ren spon­ta­ner und pro­bie­ren häu­fi­ger aus. Was für Erwach­se­ne sprung­haft oder unver­nünf­tig wirkt, folgt einer inne­ren Logik: Das Gehirn sucht nach Rei­zen, sozia­len Erfah­run­gen und Selbst­be­stä­ti­gung – bei gleich­zei­tig noch unsi­che­rer Steue­rung.
In die­ser Gemenge­la­ge ent­steht schnell der Ein­druck, „etwas stimmt nicht mehr“. Wenn sich Jugend­li­che plötz­lich zurück­zie­hen, neue Freun­des­krei­se auf­tau­chen oder das Ver­hal­ten sprung­haft wirkt, taucht die Fra­ge nach dem Dro­gen­kon­sum oft als Ers­tes auf. Nicht weil es die wahr­schein­lichs­te Erklä­rung ist, son­dern weil sie greif­bar scheint in einem ohne­hin schwer ein­zu­ord­nen­den Ver­än­de­rungs­pro­zess.

„Wor­an erken­ne ich, ob mein Kind kifft?“ – Zwi­schen Beob­ach­tung und Inter­pre­ta­ti­on

Manch­mal ist es nur ein Moment. Eine kur­ze Irri­ta­ti­on: Ein unge­wohn­ter Geruch an der Jacke, ein vager Ein­druck von „anders sein“, ein Gespräch, das selt­sam distan­ziert ver­läuft.

Es gibt kaum ein­deu­ti­ge Signa­le oder Anzei­chen. Der Kon­sum von Can­na­bis hin­ter­lässt, wenn über­haupt, sub­ti­le Spu­ren: gerö­te­te Augen, auf­fäl­lig gestei­ger­ter Appe­tit, ein ver­lang­sam­tes Bewe­gungs­mus­ter oder eine auf­fal­len­de Läs­sig­keit im Ton. Auch eine gewis­se emo­tio­na­le Flach­heit oder Über­dreht­heit kann Teil des Bil­des sein, je nach Kon­sum­form, Dosie­rung und Per­sön­lich­keit.

All das kann Hin­wei­se lie­fern. Wenn wir uns aber selbst an unse­re Jugend erin­nern, dann kön­nen das auch ganz nor­ma­le Pubertäts-„Symptome“ sein, die rein gar nichts mit Sub­stanz­kon­sum zu tun haben.

Was Eltern jedoch meist ver­un­si­chert, ist der Bruch mit dem bis­her Gewohn­ten: Ein ande­res Ener­gie­le­vel, unge­wohn­te Tages­ab­läu­fe, ein Ton­fall, der plötz­lich abge­klärt wirkt. Oder eine neue sozia­le Dyna­mik, die sich schwer zu durch­schau­en lässt.

Selbst Geruch wird manch­mal als Signal gewer­tet: süß­lich-har­zig, wür­zig, fast wie ver­brann­ter Tee. Aber auch hier gilt: Geruch ist trü­ge­risch.

🛈  Info­box: War­um Schweiß manch­mal nach Can­na­bis riecht – auch ohne Kon­sum

Geruchs­wahr­neh­mung ist sub­jek­tiv, aber sie lässt sich phy­sio­lo­gisch erklä­ren. Der typi­sche Can­na­bis­ge­ruch wird haupt­säch­lich durch Ter­pe­ne wie Myr­cen, Caryo­phyl­len oder Limo­nen erzeugt. Die­se kom­men nicht nur in Can­na­bis vor, son­dern auch in Lebens­mit­teln wie Man­gos, Pfef­fer oder Zitrus­früch­ten.

Wird bei­spiels­wei­se viel Knob­lauch, Kreuz­küm­mel oder Spar­gel ver­zehrt, kann dies zu Geruchs­ver­än­de­run­gen im Schweiß füh­ren, die man­che an Can­na­bis erin­nern. Auch Medi­ka­men­te oder Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel mit stark rie­chen­den Trä­ger­stof­fen kön­nen die­sen Effekt haben.

Bei star­ker Tran­spi­ra­ti­on kann Schweiß zudem ver­mehrt Ammo­ni­ak ent­hal­ten. In Kom­bi­na­ti­on mit haut­ty­pi­schen Bak­te­ri­en ent­ste­hen dabei flüch­ti­ge Ver­bin­dun­gen, deren Geruch, je nach indi­vi­du­el­ler Zusam­men­set­zung in sel­te­nen Fäl­len an Can­na­bis­rauch erin­nern kann.

Was bedeu­tet das? Geruch allein ist kein Beweis. Er kann ein Puz­zle­stück sein, aber nicht mehr.

War­um Jugend­li­che kif­fen – zwi­schen Aus­pro­bie­ren, Regu­la­ti­on und sozia­ler Dyna­mik

Die Fra­ge, war­um Jugend­li­che Can­na­bis kon­su­mie­ren, lässt sich nicht pau­schal beant­wor­ten. Sie berührt bio­lo­gi­sche Ent­wick­lungs­pro­zes­se, sozia­le Mecha­nis­men und indi­vi­du­el­le Stra­te­gien im Umgang mit Belas­tung. Wer den Kon­sum ledig­lich als „Jugend­pro­blem“ abtut oder auf Neu­gier redu­ziert, ver­kennt die Viel­schich­tig­keit der Moti­ve.

Ein häu­fi­ger Grund ist Ver­füg­bar­keit. Seit Inkraft­tre­ten des Can­na­bis­ge­set­zes (CanG) im April 2024 ist der Besitz und Anbau für Erwach­se­ne unter bestimm­ten Bedin­gun­gen legal. Zwar bleibt der Erwerb für Min­der­jäh­ri­ge ver­bo­ten, doch der infor­mel­le Zugang über älte­re Freund:innen oder die Fami­lie ist nicht unrea­lis­tisch. Die sozia­le Nähe zur Sub­stanz ist durch die Lega­li­sie­rung gestie­gen, eben­so wie die Nor­ma­li­sie­rung in vie­len jugend­li­chen Lebens­wel­ten. (Man könn­te nun schimp­fen, die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung habe das Gan­ze also schlim­mer gemacht. Das blen­det aber aus, dass es sich bei Can­na­bis, das nicht vom Dea­ler kommt, wahr­schein­lich um sau­be­re­ren Stoff han­delt und auch kei­ne Nähe zu här­te­ren Dro­gen gege­ben ist).

Hin­zu kommt Grup­pen­dy­na­mik. In Peer-Kon­tex­ten, in denen Unsi­cher­heit und Selbst­dar­stel­lung Hand in Hand gehen, kann Can­na­bis als Sym­bol fun­gie­ren: für Zuge­hö­rig­keit, Abgren­zung oder Locker­heit. Dabei geht es nicht immer um akti­ves Mit­ma­chen, son­dern oft auch um das Ver­mei­den von Außen­sei­ter­rol­len.

Ein wei­te­rer Fak­tor ist Selbst­re­gu­la­ti­on. Vie­le Jugend­li­che berich­ten, dass ihnen Kif­fen hel­fe, zur Ruhe zu kom­men, bes­ser zu schla­fen oder den „Kopf aus­zu­schal­ten“. Die­se Form des Kon­sums ähnelt in ihrer Funk­ti­on eher einer Selbst­me­di­ka­ti­on als einem Frei­zeit­ver­hal­ten. Beson­ders betrof­fen sind dabei nicht sel­ten Jugend­li­che mit psy­chi­scher Vul­nerabi­li­tät: ADHS, depres­si­ve Ver­stim­mun­gen oder sozia­le Ängs­te sind kei­ne Sel­ten­heit, auch wenn sie in der Fami­lie oder Schu­le kaum auf­fal­len, weil das Kind „noch funk­tio­niert“. „Nicht dia­gnos­ti­ziert“ heißt eben nicht „nicht vor­han­den“.

Nicht zuletzt spielt auch der media­le und kul­tu­rel­le Dis­kurs eine Rol­le: Memes, Song­tex­te, Influen­cer-Bei­trä­ge oder Kom­men­ta­re unter You­Tube-Vide­os trans­por­tie­ren häu­fig ein Bild von Can­na­bis als harm­lo­ser, ent­spann­ter und irgend­wie „nor­mal“. Der Satz „Ist doch nur Gras“ steht dabei oft am Anfang – und nicht sel­ten auch am Ende – einer jugend­li­chen Risi­ko­ein­schät­zung.

🛈 Info­box: Wie ver­brei­tet ist Can­na­bis unter Jugend­li­chen wirk­lich?

Laut Dro­gen­af­fi­ni­täts­stu­die der BZgA (2023) haben etwa 8,3 % der 12- bis 17-Jäh­ri­gen in Deutsch­land min­des­tens ein­mal im Leben Can­na­bis kon­su­miert. Nur 1,3 % die­ser Alters­grup­pe tun dies regel­mä­ßig, defi­niert als mehr als zehn Kon­sum­an­läs­se im letz­ten Jahr. In der Alters­grup­pe der 18- bis 25-Jäh­ri­gen liegt die Lebens­zeit­prä­va­lenz bei 47,2 %, wobei rund 8 % regel­mä­ßig konsumieren.(1)(2)

Die­se Zah­len zei­gen: Die meis­ten Jugend­li­chen kon­su­mie­ren kein Can­na­bis und wenn doch, dann meist unre­gel­mä­ßig. Der Schritt vom Pro­bie­ren zum Gewohn­heits­kon­sum hängt stark von Fak­to­ren wie sozia­ler Inte­gra­ti­on, psy­chi­scher Belas­tung, fami­liä­rem Rück­halt und all­ge­mei­ner Lebens­zu­frie­den­heit ab.(3)

Sta­tis­tik ersetzt kei­ne Ein­zel­fall­be­ur­tei­lung, aber sie hilft, Sor­gen ein­zu­ord­nen: Ein Ver­dacht wie „Kifft mein Kind?“ soll­te nicht igno­riert, aber auch nicht über­dra­ma­ti­siert wer­den. Ent­schei­dend ist das Ver­ständ­nis der Moti­ve und die Art, wie Erwach­se­ne dar­auf reagie­ren.

Was Eltern bes­ser nicht tun soll­ten – Kon­troll­im­pul­se und ihre Neben­wir­kun­gen

Manch­mal sind es kur­ze, fast auto­ma­ti­sche Reak­tio­nen: ein prü­fen­der Blick auf die Jacke, ein bei­läu­fi­ges Schnup­pern am Ruck­sack, das unauf­fäl­li­ge Hor­chen, wenn das Kind das Haus ver­lässt. Was sich wie Für­sor­ge anfühlt, ist oft Aus­druck eines Dilem­mas: der Wunsch zu schüt­zen trifft auf das Unbe­ha­gen, die Kon­trol­le zu ver­lie­ren. Und genau an die­sem Punkt wird Bezie­hung zur Grat­wan­de­rung.

Ver­hal­ten wie das Durch­su­chen von Taschen, heim­li­ches Lesen von Nach­rich­ten oder spon­ta­ne Dro­gen­tests zu Hau­se ist sel­ten das Ergeb­nis küh­ler Abwä­gung. Es ent­steht aus Sor­ge und oft auch aus Über­for­de­rung. Doch gera­de in einer Pha­se, in der Jugend­li­che ohne­hin mit Fra­gen nach Auto­no­mie und Iden­ti­tät rin­gen, wir­ken sol­che Maß­nah­men nicht regu­lie­rend, son­dern eska­lie­rend. Denn wer sich über­wacht fühlt, zieht sich zurück, auch emo­tio­nal.

Das Ergeb­nis: Der Ver­such, durch Kon­trol­le Sicher­heit zu gewin­nen, unter­gräbt häu­fig genau das Fun­da­ment, auf dem trag­fä­hi­ge Lösun­gen ent­ste­hen könn­ten: Ver­trau­en. Und je weni­ger Ver­trau­en vor­han­den ist, des­to schwe­rer wird es, in den Dia­log zu kom­men, bevor ein mög­li­cher Kon­sum sich ver­fes­tigt oder in pro­ble­ma­ti­sche Bah­nen gerät.

🛈 Info­box: Kon­trol­le ≠ Sicher­heit – Was die For­schung sagt

Stu­di­en zur Prä­ven­ti­on und Eltern-Kind-Inter­ak­ti­on zei­gen: Über­wa­chen­des oder stra­fen­des Erzie­hungs­ver­hal­ten ist nur dann hilf­reich, wenn es in einen ver­trau­ens­vol­len Kon­text ein­ge­bet­tet ist. Fehlt die­ser, führt Kon­trol­le oft zu Ver­mei­dung, Baga­tel­li­sie­rung oder Reak­tanz, also zu akti­vem Wider­stand. (4)(5)(6)

Auch sub­jek­tiv moti­vier­te Maß­nah­men wie „Ich will doch nur hel­fen“ wer­den dann nicht mehr als Schutz, son­dern als Grenz­über­schrei­tung wahr­ge­nom­men. Jugend­li­che unter­schei­den sehr genau zwi­schen Bezie­hung und Kon­trol­le, auch dann, wenn sie es nicht offen anspre­chen.

Eltern, die das Gefühl haben, „etwas tun zu müs­sen“, soll­ten sich fra­gen, ob das Ziel gera­de wirk­lich die Klä­rung ist oder ledig­lich die Ent­las­tung des eige­nen Gefühls von Hilf­lo­sig­keit. Das bedeu­tet nicht, weg­zu­schau­en. Aber es heißt, bewusst prä­sent zu blei­ben, ohne die eige­nen Ängs­te zur Hand­lungs­mo­ti­va­ti­on zu machen.

Denn nach­hal­ti­ge Bezie­hung ent­steht nicht durch Zugrif­fe, son­dern durch Gesprächs­an­ge­bo­te, auch dann, wenn sie nicht sofort ange­nom­men wer­den. Wer ein belast­ba­res Fun­da­ment schaf­fen will, muss die Unru­he des Nicht-Wis­sens aus­hal­ten ler­nen. Außer­dem dür­fen Jugend­li­che Geheim­nis­se haben. Das ist nicht leicht für Eltern. Aber es ist lern­bar.

Wie Eltern rich­tig reagie­ren: Gespräch statt Urteil

Der Impuls zu han­deln, wenn sich Sor­gen immer wei­ter häu­fen, ist nach­voll­zieh­bar. Aber gera­de dann lohnt es sich, einen Moment abzu­war­ten. Sich selbst zu sor­tie­ren. Nicht, um die Sor­ge zu ver­drän­gen, son­dern um zu klä­ren, was das eigent­li­che Ziel ist: Kon­trol­le oder Kon­takt?

Ent­schei­dest du dich für den Kon­takt, für das Gespräch, dann gibt es eini­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien, die hilf­reich sein könn­ten, eine gemein­sa­me Gesprächs­ba­sis mit dei­nem Kind zu fin­den.

  1. Sag, was dich beschäf­tigt, nicht, was dein Kind falsch macht.
  2. Fang bei dir an. Eine ehr­li­che Ich-Bot­schaft öff­net eher den Raum als eine ver­klau­su­lier­te Ankla­ge.
  3. Sag, was du wahr­nimmst, ohne es gleich zu bewer­ten.

Denn wer ver­stan­den wer­den will, muss auch zei­gen, dass er selbst ver­ste­hen will.

🛈 Info­box: Was akti­ves Zuhö­ren für Eltern bedeu­ten kann

Akti­ves Zuhö­ren ist mehr als „nicken und lächeln“. Es ist eine kon­kre­te Hal­tung in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, gera­de dann, wenn es schwie­rig wird. Hier ein paar typi­sche Situa­tio­nen:

Nicht sofort kon­tern:
Dein Kind sagt: „Alle kif­fen mal, ist doch nicht schlimm.“
Statt mit „Doch, ist es!“ zu ant­wor­ten, lie­ber: „Was meinst du damit genau?“

Zusam­men­fas­sen statt bewer­ten:
Dein Kind wirkt gereizt und sagt: „Du kon­trol­lierst mich stän­dig!“
Mög­li­che Ant­wort: „Du hast das Gefühl, ich ver­traue dir nicht, stimmt das?“

Nach­fra­gen mit ehr­li­chem Inter­es­se:
„Wie war das für dich beim letz­ten Mal?“
Nicht als Trick, son­dern als Ein­la­dung, mehr zu erzäh­len.

Pau­sen aus­hal­ten:
Nicht jede Stil­le muss gefüllt wer­den. Manch­mal brau­chen Jugend­li­che Zeit, um Wor­te zu fin­den oder Mut.

Kei­ne Ana­ly­se wäh­rend des Gesprächs:
Wenn du schon wäh­rend des Zuhö­rens nach Grün­den, Mus­tern oder Lösun­gen suchst, ver­passt du oft das, was gera­de gesagt wird.

Ziel ist nicht, jede Aus­sa­ge logisch zu zer­le­gen, son­dern zu zei­gen: „Ich bin da und ich höre zu.“

Neu­ro­bio­lo­gisch betrach­tet ist akti­ves Zuhö­ren ein Pro­zess, der das lim­bi­sche Sys­tem (emo­tio­na­le Reso­nanz) mit dem prä­fron­ta­len Kor­tex (kogni­ti­ve Regu­la­ti­on) ver­bin­det. Wer gut zuhört, stärkt nicht nur Bezie­hung, son­dern hilft auch dabei, Kon­flikt­ver­ar­bei­tung im Gehirn zu ermög­li­chen und för­dert so gezielt die geis­ti­ge Ent­wick­lung sei­ner Kin­der.

Wann wird pro­fes­sio­nel­le Hil­fe not­wen­dig?

Manch­mal reicht das eige­ne Bauch­ge­fühl nicht mehr aus. Die Gesprä­che ver­lau­fen im Kreis oder ver­stum­men ganz. Der Schlaf­rhyth­mus dei­nes Kin­des ist aus dem Takt, die Schu­le wird zur Neben­sa­che, Freund­schaf­ten bre­chen weg und du hast das Gefühl, allein nicht mehr wei­ter­zu­kom­men. In sol­chen Momen­ten stellt sich nicht die Fra­ge, ob man ver­sagt hat. Son­dern, ob es jetzt Zeit ist, sich Unter­stüt­zung zu holen.

Psy­chi­sche Belas­tun­gen im Jugend­al­ter sind kein Rand­phä­no­men. Reiz­über­flu­tung, Leis­tungs­druck, fami­liä­re Kon­flik­te. Vie­le Jugend­li­che ent­wi­ckeln Stra­te­gien, um damit zurecht­zu­kom­men. Can­na­bis kann eine davon sein. Beson­ders dann, wenn kei­ne Spra­che für das gefun­den wird, was inner­lich über­for­dert. Nicht jede:r Jugend­li­che, der kon­su­miert, hat ein psy­chi­sches Pro­blem. Aber: Häu­fi­ger und inten­si­ver Kon­sum kann Aus­druck eines inne­ren Ungleich­ge­wichts sein oder es ver­stär­ken.

Wenn der Kon­sum zur Kon­stan­te wird, wenn das sozia­le Umfeld zuneh­mend schrumpft oder du dein Kind emo­tio­nal nicht mehr erreichst, kann ein Gespräch mit einer pro­fes­sio­nel­len Fach­kraft ent­las­tend sein. Für dein Kind, aber auch für dich selbst.

Vie­le Bera­tungs­stel­len arbei­ten anonym, kos­ten­frei und ohne Vor­be­din­gun­gen. Sie bera­ten nicht nur Betrof­fe­ne, son­dern auch Ange­hö­ri­ge. Es geht dabei nicht dar­um, dein Kind „abzu­ge­ben“, son­dern dar­um, dich selbst zu sor­tie­ren und eine Spra­che zu fin­den, die wie­der in Kon­takt bringt.

🛈 Hin­weis: Hil­fe holen – nicht über den Kopf des Kin­des hin­weg

Sor­ge darf nicht zum heim­li­chen Regie­plan wer­den. Wenn du als Eltern­teil Unter­stüt­zung suchst, sprich das offen an, auch wenn es schwer­fällt. Sät­ze wie „Ich hab mir jeman­den gesucht, weil ich gera­de nicht wei­ter­weiß“ oder „Ich möch­te ver­ste­hen, was los ist, nicht dich behan­deln“ schaf­fen Raum, ohne zu ent­mün­di­gen.

Jugend­li­che reagie­ren oft emp­find­lich, wenn über sie statt mit ihnen gespro­chen wird. Wer will, dass Hil­fe ange­nom­men wird, soll­te sie nicht ver­ord­nen, son­dern erklä­ren. Offen­heit auf dei­ner Sei­te erleich­tert Offen­heit auf der ande­ren.

Wo du Hil­fe fin­dest, ohne dein Kind zu ver­ra­ten

Es geht nicht dar­um, die Ver­ant­wor­tung abzu­ge­ben. Son­dern dar­um, sie zu tei­len. In den genann­ten Stel­len fin­dest du Men­schen, die dafür aus­ge­bil­det sind, dich (und dein Kind) nicht zu ver­ur­tei­len, son­dern zu beglei­ten. Im Regel­fall behältst du bzw. dei­ne Fami­lie die Kon­trol­le. Es geht nicht dar­um „den Staat“ oder eine sons­ti­ge Obrig­keit, dazu­zu­ho­len.

Ver­trau­en statt Ver­zweif­lung – Eltern­sein zwi­schen Aus­hal­ten und Han­deln

Viel­leicht hast du beim Lesen gemerkt, dass du mit dei­ner Sor­ge nicht allein bist. Vie­le Eltern erle­ben Pha­sen, in denen Nähe brü­chig wird, Fra­gen unbe­ant­wor­tet blei­ben und der All­tag sich wie ein Nebel zwi­schen dich und dein Kind legt.

Eltern­sein bedeu­tet eben nicht, auf alles eine Ant­wort zu haben. Es heißt, in Bezie­hung zu blei­ben, auch wenn Ori­en­tie­rung fehlt. Hal­tung statt Reak­ti­on. Prä­senz statt Kon­trol­le.

Psy­cho­lo­gisch betrach­tet ist Ver­trau­en kein Dau­er­zu­stand, son­dern ein dyna­mi­scher Pro­zess. Es lebt von Reso­nanz, also von der Fähig­keit, sich auf­ein­an­der ein­zu­schwin­gen, auch bei Dis­so­nan­zen. In der Puber­tät kommt es oft zu einem natür­li­chen Rück­bau die­ser Reso­nanz­räu­me, weil Jugend­li­che zwi­schen den Wün­schen nach Auto­no­mie und Zuge­hö­rig­keit hin und her schwan­ken. Zusätz­lich ist die Puber­tät auch die zeit, um sich lang­sam von den Eltern abzu­na­beln. Wer dann als Eltern­teil nur die äuße­ren Sym­pto­me bewer­tet – Rück­zug, Reiz­bar­keit, neue Freun­des­krei­se – über­sieht leicht die dar­un­ter­lie­gen­de Ent­wick­lung: den Umbau einer Iden­ti­tät, die noch im Wer­den ist.

Dein Kind braucht in die­ser Pha­se kein Gegen­über, das alles rich­tig macht. Es braucht jeman­den, der bleibt. Der zuhört, ohne zu ana­ly­sie­ren. Der inter­ve­niert, wenn es nötig ist, aber nicht aus Angst, son­dern als Unter­stüt­zer.

Das ist nicht immer leicht und nie­mand von uns ist Vater oder Mut­ter des Jah­res. Es bedeu­tet, Unwis­sen­heit aus­zu­hal­ten, Ambi­va­len­zen zu ertra­gen und Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, deren Wir­kung sich erst spä­ter zeigt. Aber genau dar­in liegt die Qua­li­tät elter­li­cher Für­sor­ge: Nicht in Kon­trol­le, son­dern im Beglei­ten, auch auf unsi­che­rem Ter­rain.

Aus­blick


Im nächs­ten Arti­kel geht es um die Fra­ge:

„Ab wann wird Can­na­bis wirk­lich gefähr­lich?“

Spoi­ler: Nicht beim ers­ten Joint. Aber manch­mal frü­her, als man denkt, ins­be­son­de­re, wenn psy­chi­sche Belas­tun­gen, gene­ti­sche Vul­nerabi­li­tät oder chro­ni­scher Kon­sum ins Spiel kom­men. Wir schau­en uns an, was die For­schung sagt.

Dis­clai­mer

Im vor­lie­gen­den Text ver­wen­de ich bewusst den Begriff „Kif­fen“. Auch wenn er ursprüng­lich abwer­tend gebraucht wur­de, ist er heu­te Teil der All­tags­spra­che, auch in der elter­li­chen Inter­net­re­cher­che. Für vie­le ist er das ers­te Such­wort bei Ver­dacht. Um auf­find­bar zu sein und den Ein­stieg nied­rig­schwel­lig zu hal­ten, grei­fe ich ihn hier auf, ohne mora­li­sche Wer­tung.

Wei­ter­füh­ren­de Quel­len

  1. Deut­sche Haupt­stel­le für Sucht­fra­gen: Can­na­bis — Zah­len, Daten, Fak­ten

2. Fak­ten­blatt Can­na­bis (Lang­ver­si­on)

3. Welt­dro­gen­tag 2024 — Neue BZgA-Daten

4. Krist­jans­son, Logi et al.: Ado­le­s­cent sub­s­tance use, paren­tal moni­to­ring, and lei­su­re-time acti­vi­ties: 12-year out­co­mes of pri­ma­ry pre­ven­ti­on in Ice­land; 2010

5. Kunt­sche, San­dra; Kunt­sche, Emma­nu­el: Parent-based inter­ven­ti­ons for pre­ven­ting or redu­cing ado­le­s­cent sub­s­tance use — A sys­te­ma­tic lite­ra­tu­re review; 2016

6. Kay­nak, Övgü et al.: Rela­ti­onships among paren­tal moni­to­ring and sen­sa­ti­on see­king on the deve­lo­p­ment of sub­s­tance use dis­or­der among col­lege stu­dents; 2013

7. Par­let­te, Bria­na et al.: Parent and Ado­le­s­cent Reports of Paren­tal Moni­to­ring and Sources of Paren­tal Know­ledge are Lin­ked to Can­na­bis Use and Sym­ptom Deve­lo­p­ment in Ado­le­s­cents; 2022

8. Deut­sche Haupt­stel­le für Sucht­fra­gen: Sucht­hil­fe­ver­zeich­nis

9. Bun­des­kon­fe­renz für Erzie­hungs­be­ra­tung

10. Drug­com — Pro­jekt des Bun­des­in­sti­tuts für Öffent­li­che Gesund­heit (Infos, Selbst­tests, Online­be­ra­tung)

11. Bun­des­in­sti­tut för Öffent­li­che Gesund­heit (BIÖG): Sucht­vor­beu­gung

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