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Can­na­bis­ge­setz nach einem Jahr: Erwach­se­ne pro­fi­tie­ren, Jugend­li­che nicht

Über ein Jahr nach Inkraft­tre­ten des Can­na­bis­ge­set­zes (CanG) liegt mit dem Kon­CanG-Bericht 2025 von Insti­tut für Sucht­for­schung Frank­furt am Main und der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le Frei­burg (1) erst­mals eine umfas­sen­de Daten­samm­lung vor, die Auf­schluss dar­über gibt, wie sich Kon­sum­mus­ter und Bezugs­we­ge seit der Reform ver­än­dert haben. Mehr als 11.000 Per­so­nen nah­men an der Online-Befra­gung teil, doch bevor man die Ergeb­nis­se inter­pre­tiert, ist ein metho­di­scher Hin­weis wich­tig: Die Stu­die ist nicht reprä­sen­ta­tiv. Befragt wur­den über­wie­gend männ­li­che, häu­fig kon­su­mie­ren­de und ver­gleichs­wei­se jun­ge Men­schen. Es han­delt sich also nicht um ein Abbild der Gesamt­ge­sell­schaft, son­dern um eine Moment­auf­nah­me akti­ver Kon­su­mie­ren­der (Kon­CanG 2025, S. 2).

Gera­de des­halb lohnt ein genau­er Blick: Auch wenn kei­ne gene­rel­len Prä­va­lenz­ra­ten abge­lei­tet wer­den kön­nen, zei­gen die Daten kla­re Ten­den­zen. Sie zeich­nen nach, wie sich Erwach­se­ne und Jugend­li­che nach dem neu­en Rechts­rah­men ori­en­tie­ren, wel­che Rol­le Eigen­an­bau und Apo­the­ken inzwi­schen spie­len und wo Dealer:innen wei­ter­hin prä­sent blei­ben.

Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet damit:

Hat das Can­na­bis­ge­setz sei­ne Zie­le erreicht: Ent­kri­mi­na­li­sie­rung, Jugend­schutz, Ein­däm­mung des Schwarz­markts? 

Oder offen­ba­ren die Zah­len bereits im ers­ten Jahr Nach­bes­se­rungs­be­darf?

Im fol­gen­den Arti­kel fas­se ich die zen­tra­len Ergeb­nis­se des Kon­CanG-Berichts zusam­men, ord­ne sie ein und lei­te dar­aus kon­kre­te For­de­run­gen für die Wei­ter­ent­wick­lung des Can­na­bis­ge­set­zes ab.

Can­na­bis-Bezugs­quel­len nach einem Jahr: Erwach­se­ne vs. Jugend­li­che

Die Daten des Kon­CanG-Berichts machen deut­lich: Erwach­se­ne und Jugend­li­che bewe­gen sich in völ­lig unter­schied­li­chen Märk­ten. Wäh­rend Erwach­se­ne den Schritt zu lega­len Quel­len voll­zie­hen, bleibt für Min­der­jäh­ri­ge der Schwarz­markt nahe­zu unge­bro­chen bestehen. Das über­rascht nicht, schließ­lich ist ihnen der Zugang zu lega­lem Can­na­bis ver­sperrt. Eigent­lich soll­ten Jugend­li­che gar nicht kon­su­mie­ren. Die Rea­li­tät zeigt jedoch: Ver­bo­te machen Dealer:innen nicht arbeits­los. Doch ist Dea­ler gleich Dea­ler? Ohne zynisch wer­den zu wol­len: Wenn Ent­kri­mi­na­li­sie­rung dazu führt, dass Jugend­li­che ihr Gras über voll­jäh­ri­ge Bekann­te aus sau­be­rem Eigen­an­bau bekom­men, statt bei Kon­tak­ten zur orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, wo gleich auch här­te­re Sub­stan­zen im Ange­bot sind, dann wäre das zumin­dest ein klei­ner Schritt nach vorn.

Erwach­se­ne Kon­su­mie­ren­de: Ver­la­ge­rung auf lega­le Quel­len

Vor Inkraft­tre­ten des Can­na­bis­ge­set­zes (31.03.2024) waren Dealer:innen und Freun­des­kreis die wich­tigs­ten Bezugs­we­ge. Ein Jahr spä­ter zeigt sich ein dras­ti­scher Wan­del: 88,4 Pro­zent der erwach­se­nen Befrag­ten bezie­hen ihr Can­na­bis nun aus legal erzeug­ten Quel­len: Eigen­an­bau, Apo­the­ken oder Anbau­ver­ei­ne (Kon­CanG 2025, S. 2). Die­se Zahl bezieht sich auf die befrag­te Stich­pro­be und ist nicht reprä­sen­ta­tiv für die Gesamt­be­völ­ke­rung.

Beson­ders ins Auge fällt der Eigen­an­bau: Knapp die Hälf­te nennt ihn als wich­tigs­te Quel­le (ebd., S. 21). Die Apo­the­ke folgt mit rund 29 Pro­zent, wäh­rend Anbau­ver­ei­ne bis­lang nur 1,9 Pro­zent errei­chen. Der Anteil der pri­mär ille­ga­len Wege ist auf 19,9 Pro­zent gesun­ken; betrach­tet man aus­schließ­lich Dealer:innen, sind es sogar nur noch 11,6 Pro­zent (ebd.).

Vergleich Hauptbezugswege Jugendliche und Erwachsene
Dia­gramm 1: Ver­gleich Haupt­be­zugs­we­ge Jugend­li­che und Erwach­se­ne vor dem 01.04.2024 und in den letz­ten sechs Mona­ten vor der Befra­gung; Quel­le: Kon­CanG-Bericht

Jugend­li­che Kon­su­mie­ren­de: Dealer:innen blei­ben Haupt­quel­le

Für Jugend­li­che zeich­net sich ein ande­res Bild. 45,8 Pro­zent bezie­hen Can­na­bis von Bekann­ten, 33,3 Pro­zent von Dealer:innen. Nur 6,3 Pro­zent nann­ten Eigen­an­bau als Bezugs­quel­le (Kon­CanG 2025, S. 26).

Wäh­rend Dealer:innen bei Erwach­se­nen kaum noch eine Rol­le spie­len, blei­ben sie für Jugend­li­che eine der zen­tra­len Quel­len. Noch deut­li­cher: Nach Ein­füh­rung des CanG zeigt sich kei­ne nen­nens­wer­te Ver­schie­bung, der lega­le Rah­men hat auf Min­der­jäh­ri­ge bis­lang kei­nen spür­ba­ren Ein­fluss.

Zwi­schen­fa­zit: Erwach­se­ne pro­fi­tie­ren, Jugend­li­che nicht

Die Ergeb­nis­se zei­gen einen kla­ren Kon­trast. Erwach­se­ne nut­zen das Gesetz, um lega­le Wege zu beschrei­ten. Jugend­li­che blei­ben dage­gen im Schwarz­markt. Eines der zen­tra­len Ziel des Geset­zes, Jugend­schutz durch Ver­drän­gung ille­ga­ler Struk­tu­ren, bleibt bis­lang uner­füllt.

Kon­sum­for­men und Sub­stan­zen: Was und wie kon­su­miert wird

Die Kon­CanG-Daten geben Auf­schluss dar­über, wel­che Kon­sum­for­men domi­nie­ren und wel­che Sub­stan­zen neben klas­si­schem Can­na­bis genutzt wer­den. Dabei zei­gen sich kla­re Alters- und Geschlechts­un­ter­schie­de und ein wach­sen­des Pro­blem­feld bei syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­iden.

Joints blei­ben Stan­dard, Vapo­ri­zer holen auf

Der Joint mit Tabak bleibt die mit Abstand häu­figs­te Kon­sum­form, bei Jugend­li­chen wie Erwach­se­nen (Kon­CanG 2025, S. 11 f.). Bei Erwach­se­nen zeich­net sich jedoch eine Diver­si­fi­zie­rung ab: Vor allem älte­re Kon­su­mie­ren­de grei­fen zuneh­mend zum Vapo­ri­zer.

Bei Jugend­li­chen zeigt sich die­ses Mus­ter kaum. Hier domi­niert der Joint nahe­zu exklu­siv. Auch die Geschlech­ter­un­ter­schie­de sind deut­lich: Frau­en nut­zen signi­fi­kant häu­fi­ger den Joint mit Tabak, Män­ner und diver­se Per­so­nen eher den Vapo­ri­zer. Alters­ab­hän­gig ergibt sich ein Gra­di­ent: Jün­ge­re ten­die­ren stär­ker zum Joint (auch ohne Tabak), Älte­re eher zum Vapo­ri­zer.

Häufigste Konsumformen in der genannten Stichprobe
Dia­gramm 2: Häu­figs­te Kon­sum­for­men in der genann­ten Stich­pro­be; Quel­le: Kon­CanG-Bericht

Halb­syn­the­ti­sche Can­na­bi­no­ide: HHC und Co.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­die­nen die soge­nann­ten halb­syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­ide wie Hex­a­hy­dro­can­na­bi­nol (HHC). Obwohl das Can­na­bis­ge­setz pri­mär den Zugang zu pflanz­li­chem Can­na­bis regelt, geben 22,5 Pro­zent der Befrag­ten an, HHC oder ver­gleich­ba­re Sub­stan­zen kon­su­miert zu haben (Kon­CanG 2025, S. 2 u. S.14 f.).

Die Nut­zung ist auf­fäl­lig ungleich ver­teilt: Jugend­li­che, Frau­en und diver­se Per­so­nen berich­ten häu­fi­ger von HHC-Kon­sum, wäh­rend erwach­se­ne Män­ner deut­lich sel­te­ner zugrei­fen. Die­se Mus­ter legen nahe, dass gera­de Grup­pen, die im lega­len Markt weni­ger sicht­bar sind, stär­ker auf Alter­na­tiv­sub­stan­zen aus­wei­chen.

Zwi­schen­fa­zit: Ein unter­schätz­ter Par­al­lel­markt

Die Daten machen zwei­er­lei deut­lich: Ers­tens bleibt der Tabak-Joint kul­tu­rell domi­nant, trotz wach­sen­der Alter­na­ti­ven wie Vapo­ri­zer. Zwei­tens wächst mit HHC und ähn­li­chen Stof­fen ein Par­al­lel­markt, der vom Can­na­bis­ge­setz kaum erfasst wird. Für den Jugend­schutz ist das ein ernst­zu­neh­men­des Risi­ko, da die­se Sub­stan­zen in Ver­füg­bar­keit und Risi­ko­pro­fil weni­ger regu­liert sind. Zwar ist mit dem Ver­bot von HHC Ende Juni 2024 (also der Auf­nah­me ins NpSG) ein wich­ti­ger Schritt getan. Die nächs­ten Deri­va­te ste­hen aber erfah­rungs­ge­mäß schnell wie­der in den Rega­len ver­ant­wor­tungs­lo­ser Kiosk­be­trei­ber.

Sub­jek­ti­ve Wir­kun­gen und Stra­ßen­ver­kehr: All­tags­er­fah­run­gen nach dem CanG

Die Befra­gung erfasst nicht nur Kon­sum­mus­ter, son­dern auch die sub­jek­ti­ven Fol­gen der Reform. Hier zei­gen sich zwei Sei­ten: Ent­kri­mi­na­li­sie­rung und Nor­ma­li­sie­rung im All­tag auf der einen, recht­li­che Unsi­cher­heit im Stra­ßen­ver­kehr auf der ande­ren.

Ent­kri­mi­na­li­sie­rung: Weni­ger Straf­angst, mehr Nor­ma­li­tät

Ein zen­tra­les Ziel des Can­na­bis­ge­set­zes war die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung. Im Kon­CanG-Bericht zeigt sich, dass dies Wir­kung ent­fal­tet: Über drei Vier­tel der Befrag­ten gaben an, seit Inkraft­tre­ten des Geset­zes kei­ne Angst vor Straf­ver­fol­gung mehr zu haben (Kon­CanG 2025, S. 29). Vie­le beschrei­ben zudem, dass sich der Umgang mit Can­na­bis „nor­ma­ler“ und weni­ger stig­ma­ti­siert anfühlt.
Die­ser Effekt könn­te auch eine posi­ti­ve Neben­wir­kung haben: Wer weni­ger Angst vor Repres­si­on hat, sucht eher pro­fes­sio­nel­le Hil­fe, wenn Pro­ble­me auf­tre­ten.

Stra­ßen­ver­kehr: Grenz­wert schafft Unsi­cher­heit

Anders fällt die Bilanz im Stra­ßen­ver­kehr aus. Zwar wur­de der THC-Grenz­wert poli­tisch ange­ho­ben, doch die Wir­kung bleibt begrenzt. Rund die Hälf­te der Befrag­ten emp­fin­det die Neu­re­ge­lung als Ent­las­tung, ins­be­son­de­re gele­gent­li­che Kon­su­mie­ren­de. Täg­li­che Nutzer:innen berich­ten dage­gen, dass die Rechts­un­si­cher­heit fort­be­steht (ebd., S. 35).

Das Kern­pro­blem: THC-Rest­wer­te im Blut sagen nicht zwin­gend etwas über die tat­säch­li­che Fahr­tüch­tig­keit aus. Wer regel­mä­ßig kon­su­miert, kann auch im nüch­ter­nen Zustand Wer­te errei­chen, die recht­lich pro­ble­ma­tisch sind. Hin­zu kommt: Für Misch­kon­sum – etwa Can­na­bis und Alko­hol – feh­len bis­her kla­re Vor­ga­ben, obwohl hier die Risi­ken am größ­ten sind.(2)(3)(4)

Zwi­schen­fa­zit: All­tag nor­ma­li­siert, Stra­ßen­ver­kehr unge­löst

Wäh­rend die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung im All­tag Wir­kung zeigt, bleibt das Ver­kehrs­recht eine Grau­zo­ne. Der Kon­CanG-Bericht ver­deut­licht, dass die bis­he­ri­ge Anpas­sung nicht aus­reicht, um Kon­su­mie­ren­de und Behör­den glei­cher­ma­ßen zu ent­las­ten. Die poli­ti­sche Ent­schei­dung für einen fixen Grenz­wert mag prag­ma­tisch gewe­sen sein, wis­sen­schaft­lich belast­bar ist sie kaum.

Inter­pre­ta­ti­on: Zwi­schen Fort­schritt und blin­den Fle­cken

Die Ergeb­nis­se des Kon­CanG-Berichts las­sen sich zwei­ge­teilt lesen: Für Erwach­se­ne funk­tio­niert das Gesetz über­ra­schend schnell, für Jugend­li­che, Patient:innen und im Stra­ßen­ver­kehr blei­ben jedoch zen­tra­le Lücken bestehen.

Ent­kri­mi­na­li­sie­rung: Erwach­se­ne wech­seln rasch zu lega­len Quel­len

Die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung wirkt. Erwach­se­ne Kon­su­mie­ren­de haben ihre Bezugs­we­ge in einem Tem­po auf lega­le Quel­len ver­la­gert, das im inter­na­tio­na­len Ver­gleich bemer­kens­wert ist. Zu beach­ten ist, dass die Kon­CanG-Daten auf einer Online-Selbst­se­lek­ti­on beru­hen und nicht reprä­sen­ta­tiv sind. Sie zei­gen Ten­den­zen, kei­ne durch­schnitt­li­chen Bevöl­ke­rungs­wer­te. Hier lohnt sich aber ein Blick auf ein Land, wel­ches bereits lang­fris­ti­ge Erhe­bun­gen zur Lega­li­sie­rung machen konn­te: In Kana­da stieg der Anteil der Kon­su­mie­ren­den, die ihr Can­na­bis über lega­le Geschäf­te bezo­gen, von nur 4 Pro­zent im Jahr 2018 auf 72 Pro­zent im Jahr 2023/24. (5)

Der Unter­schied erklärt sich aus den Sys­te­men: Kana­da setz­te auf Fach­ge­schäf­te, hat­te aber anfangs Preis- und Lie­fer­pro­ble­me. In Deutsch­land kom­pen­sie­ren Eigen­an­bau und Apo­the­ken die­se Lücke, ein Son­der­weg, der Jus­tiz und Poli­zei den­noch ent­las­tet.

Jugend­schutz: Dea­ler blei­ben zen­tra­le Anlauf­stel­le für Min­der­jäh­ri­ge

Ganz anders das Bild bei Min­der­jäh­ri­gen. Dealer:innen und Freun­des­krei­se sind wei­ter­hin die wich­tigs­ten Bezugs­we­ge, lega­le Optio­nen spie­len kaum eine Rol­le. Der gesetz­li­che Jugend­schutz bleibt damit weit­ge­hend Sym­bol­po­li­tik. Statt Jugend­li­chen den Schwarz­markt zu ent­zie­hen, behal­ten Dea­ler ihre Kund­schaft und kön­nen sich womög­lich noch stär­ker auf die­se Alters­grup­pe kon­zen­trie­ren. Damit bleibt vor allem auch der Zugang zu här­te­ren Dro­gen. Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist die Pro­ble­ma­tik der Ver­un­rei­ni­gung durch Stre­ckungs­mit­tel (z. B. Haar­spray), was zusätz­li­che gesund­heit­li­che Gefah­ren birgt.

Hin­zu kommt ein wach­sen­des Risi­ko: halb­syn­the­ti­sche Can­na­bi­no­ide wie HHC sind gera­de bei Jugend­li­chen und Frau­en ver­brei­tet. Sie blei­ben weit­ge­hend außer­halb der Regu­lie­rung und stel­len ein eige­nes Gefah­ren­feld dar.

Medi­zi­ni­sches Can­na­bis: Patient:innen tra­gen wei­ter die Kos­ten

Auch für Patient:innen ist die Bilanz ambi­va­lent. Zwar steigt der Bezug über Apo­the­ken, doch 94 Pro­zent der Befrag­ten bezah­len aus eige­ner Tasche und ohne Kas­sen­re­zept (Kon­CanG 2025, S. 21). Die­se Zahl umfasst jedoch sowohl schwer­kran­ke Men­schen, die Can­na­bis medi­zi­nisch drin­gend benö­ti­gen, als auch Patient:innen, die es auf Pri­vat­re­zept aus eher ‚Life­style-nahen‘ Grün­den bezie­hen. Klar ist: Unter den der­zei­ti­gen Bedin­gun­gen bleibt der Zugang stark vom Ein­kom­men abhän­gig, eine gleich­be­rech­tig­te medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist so nicht gewähr­leis­tet. Die Stu­die dif­fe­ren­ziert nicht, inwie­weit das Sys­tem für den Bezug von medi­zi­ni­schem Can­na­bis aus­ge­nutzt wird.

Stra­ßen­ver­kehr: THC-Grenz­wer­te blei­ben pro­ble­ma­tisch

Auch in Bezug auf Can­na­bis und Stra­ßen­ver­kehr wirkt die Reform halb­her­zig. Zwar emp­fin­den rund die Hälf­te der Befrag­ten die neu­en Grenz­wer­te als Ent­las­tung, ins­be­son­de­re Gele­gen­heits­kon­su­mie­ren­de. Regel­mä­ßig Nutzer:innen haben aber Schwie­rig­kei­ten.

Das Kern­pro­blem: THC-Rest­wer­te im Blut sind kein ver­läss­li­cher Indi­ka­tor für Fahr­tüch­tig­keit. Meh­re­re Stu­di­en zei­gen, dass Blut-THC und tat­säch­li­che Fahr­leis­tung nur schwach korrelieren,regelmäßige Kon­su­mie­ren­de kön­nen auch im nüch­ter­nen Zustand Wer­te errei­chen, die recht­lich pro­ble­ma­tisch sind. (2)(3)(4). Für Misch­kon­sum, etwa Can­na­bis und Alko­hol, feh­len bis­lang kla­re Vor­ga­ben, obwohl hier die größ­ten Risi­ken lie­gen.

Gesamt­bild: Ein hal­bes Gesetz

Damit ent­steht ein zwei­ge­teil­tes Bild: Für Erwach­se­ne ist das Can­na­bis­ge­setz ein funk­tio­nie­ren­der Weg aus dem Schwarz­markt. Für Jugend­li­che, Patient:innen und im Stra­ßen­ver­kehr bleibt es ein hal­bes Gesetz; mit deut­li­chen Nach­bes­se­rungs­be­dar­fen. Ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die zahl­rei­chen Dis­kus­sio­nen um den Jugend­schutz vor und nach dem Inkraft­tre­ten des CanG ist dies eine trau­ri­ge Bilanz. Denn gera­de die­ser Aspekt wur­de von bei­den Sei­ten in den poli­ti­schen Debat­ten inten­siv dis­ku­tiert. Es schlägt sich aber zu wenig im CanG und der aktu­el­len Umset­zung nie­der. Das wird durch den Kon­CanG-Bericht noch ein­mal unter­stri­chen.

For­de­run­gen: Wo das Can­na­bis­ge­setz nach­ge­bes­sert wer­den muss

Die Daten des Kon­CanG-Berichts machen deut­lich: Das Can­na­bis­ge­setz wirkt, aber nicht über­all. Damit es mehr ist als ein hal­ber Schritt, braucht es Nach­bes­se­run­gen. Fünf Bau­stel­len ste­chen beson­ders her­vor.

Can­na­bis-Fach­han­del: Ver­sor­gung zwi­schen Big Phar­ma und Craft Can­na­bis

Eigen­an­bau und Apo­the­ken allein rei­chen nicht aus, um den Schwarz­markt zu ver­drän­gen. Deutsch­land braucht regu­lier­te Can­na­bis-Fach­ge­schäf­te, die zwei Ver­sor­gungs­li­ni­en kom­bi­nie­ren: Zum einen stan­dar­di­sier­te, GMP-kon­for­me Pro­duk­te aus indus­tri­el­ler Pro­duk­ti­on, wie sie heu­te schon über Apo­the­ken erhält­lich sind. Zum ande­ren Craft Can­na­bis aus Anbau­ver­ei­ni­gun­gen, das Viel­falt, Sor­ten­pro­fil und Nähe zur Com­mu­ni­ty bie­tet.

Die­ses dua­le Modell wür­de Erwach­se­nen eine lega­le, prak­ti­ka­ble Bezugs­quel­le eröff­nen, unab­hän­gig davon, ob sie Eigen­an­bau betrei­ben kön­nen oder nicht. Dealer:innen wür­den damit einen Groß­teil ihrer erwach­se­nen Kund­schaft ver­lie­ren. Je stär­ker der Schwarz­markt aus­trock­net, des­to weni­ger attrak­tiv und ver­füg­bar bleibt er dann auch für Jugend­li­che, selbst wenn die­se wei­ter­hin kei­nen lega­len Zugang zu Can­na­bis haben. Die Sor­ge vor Kom­mer­zia­li­sie­rung lie­ße sich ver­mei­den, wenn Fach­ge­schäf­te streng regu­liert wer­den, eher wie Apo­the­ken als wie Tabak­shops.

Jugend­schutz im Can­na­bis­ge­setz: Dea­ler blei­ben das Schlupf­loch

Die Kon­CanG-Daten zei­gen: Jugend­li­che bezie­hen Can­na­bis wei­ter­hin über­wie­gend über Dealer:innen und den Freun­des­kreis. Damit bleibt der gesetz­li­che Jugend­schutz Sym­bol­po­li­tik. Es braucht rea­lis­ti­sche Prä­ven­ti­ons­pro­gram­me in Schu­len und Jugend­ein­rich­tun­gen, die evi­denz­ba­siert und ohne Panik­ma­che über Risi­ken infor­mie­ren.

Par­al­lel muss die Regu­lie­rung Schritt hal­ten mit neu­en halb­syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­iden. Nach dem HHC-Ver­bot tauch­ten sofort Alter­na­ti­ven wie HHC‑O oder THC‑P auf, die teils offen gehan­delt wer­den, oft ohne kla­re Alters­gren­zen. Solan­ge hier kei­ne ver­läss­li­che Regu­lie­rung greift, bleibt der Schutz Jugend­li­cher lücken­haft.

Medi­zi­ni­sches Can­na­bis: Kos­ten­hür­de muss fal­len

Auch beim medi­zi­ni­schen Can­na­bis ist die Bilanz ent­täu­schend: 94 Pro­zent der Apothekenkund:innen zah­len selbst, ohne Kas­sen­re­zept. Damit bleibt der Zugang abhän­gig vom Ein­kom­men, schwer­kran­ke Men­schen und „Lifestyle-Patient:innen“ ste­hen in der­sel­ben Kos­ten­fal­le.

Eine fai­re Ver­sor­gung erfor­dert ver­bind­li­che Kos­ten­über­nah­me bei klar defi­nier­ten, schwe­ren Indi­ka­tio­nen, etwa Par­kin­son, MS oder chro­ni­schen Schmerz­syn­dro­men. Bei unspe­zi­fi­schen Dia­gno­sen wie Rücken­schmer­zen oder Schlaf­stö­run­gen darf Can­na­bis nicht zum beque­men Life­style-Rezept wer­den. Nötig sind jedoch trans­pa­ren­te, ein­heit­li­che Kri­te­ri­en, um Ärzt:innen und Patient:innen vor end­lo­sen Antrags­ver­fah­ren und will­kür­li­chen Ableh­nun­gen zu schüt­zen.

THC-Grenz­wer­te im Stra­ßen­ver­kehr: Wis­sen­schaft statt Will­kür

Im Stra­ßen­ver­kehr herrscht wei­ter Unsi­cher­heit. Der neue THC-Grenz­wert ent­las­tet vor allem Gele­gen­heits­kon­su­mie­ren­de, doch regel­mä­ßi­ge Nutzer:innen pro­fi­tie­ren kaum. Das liegt dar­an, dass THC-Rest­wer­te im Blut nur schwach mit der tat­säch­li­chen Fahr­tüch­tig­keit kor­re­lie­ren (2)(3)(4). Wer regel­mä­ßig kon­su­miert, kann auch im nüch­ter­nen Zustand recht­lich pro­ble­ma­ti­sche Wer­te errei­chen.

Nötig sind wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Kri­te­ri­en wie stan­dar­di­sier­te Beein­träch­ti­gungs­tests und kla­re Regeln für Misch­kon­sum, beson­ders bei Can­na­bis und Alko­hol. Nur so ent­steht ech­te Rechts­si­cher­heit für Kon­su­mie­ren­de und Behör­den.

Anbau­ver­ei­ne: Drit­te Säu­le mit Poten­zi­al

Die Rol­le der Anbau­ver­ei­ne ist bis­her mar­gi­nal, nur 2,5 Pro­zent nut­zen sie als Bezugs­quel­le. Dabei könn­ten sie als „Craft-Säu­le“ zwi­schen Eigen­an­bau und Fach­han­del viel leis­ten: Sor­ten­viel­falt, Nähe zur Com­mu­ni­ty, sozia­le Kon­trol­le.

Damit das gelingt, müs­sen sie aber libe­ra­li­siert wer­den. Heu­te ver­hin­dern hohe büro­kra­ti­sche Hür­den, kom­ple­xe Auf­la­gen und Grün­dungs­bar­rie­ren, dass Ver­ei­ne ihr Poten­zi­al ent­fal­ten. Weni­ger Papier­ar­beit, kla­re Qua­li­täts­stan­dards und ech­te För­de­rung wür­den sie zu einer trag­fä­hi­gen Alter­na­ti­ve zum Schwarz­markt machen und den Fach­han­del sinn­voll ergän­zen.

Fazit: Ein hal­bes Gesetz reicht nicht

Das Can­na­bis­ge­setz hat Ent­kri­mi­na­li­sie­rung und lega­le Zugän­ge geschaf­fen, ein Fort­schritt, den man nicht klein­re­den soll­te. Doch die Bilanz nach einem Jahr zeigt auch: Ohne Nach­jus­tie­rung bleibt es ein Tor­so. Jugend­schutz, Kos­ten­fair­ness und Ver­kehrs­si­cher­heit dür­fen nicht län­ger auf spä­ter ver­scho­ben wer­den.

Und jetzt du: Wel­che Bau­stel­le wür­dest du zuerst ange­hen: Fach­han­del, Jugend­schutz, Kas­sen­leis­tung oder Stra­ßen­ver­kehr? Schreib dei­ne Mei­nung in die Kom­men­ta­re. Schließ­lich wächst Ver­än­de­rung nicht von allein, außer viel­leicht im Stoff­blu­men­topf im Grow­zelt.

Wei­ter­füh­ren­de Quel­len

  1. Pro­jekt­be­richt: Ver­än­de­run­gen für Kon­su­mie­ren­de von Can­na­bis durch das Can­na­bis­ge­setz Kon­CanG
  2. Fitz­ge­rald et al. (2023) – Simu­la­ti­ons­stu­die
  3. Mar­cot­te et al. (JAMA Psych­ia­try, 2020) – Kli­ni­sche Ran­do­mi­sier­te Stu­die
  4. Wurz et al. (2022) – Breath & Blood Cor­re­la­ti­on
  5. Cana­di­an Can­na­bis Sur­vey 2024 – Health Info­ba­se

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